5. Der Zahnpasta-Test

Ich bin ja nun kein Theologe. Nicht mal grundlegend theologisch gebildet. Ich meine, ich lese seit gefühlten zigzillionen Jahren in der Bibel, ziehe mir alle möglichen Bücher und Predigten rein und schlag‘ auch mal was im Original nach, wenn’s sein muss, aber ehrlich, ich versteh fachlich nichts davon. Was ich habe, ist mein Leben und die Erfahrungen, die ich darin mache, mit meinem Jesus.

Sicher sortiere ich manchmal was in die falsche Schublade ein, das ist nicht so schlimm, dann wird es halt entrümpelt, wenn ich es merke.
Das hier ist etwas, was mir im letzten Jahr sehr deutlich geworden ist. Wenn du jetzt ein Theologe bist, vielleicht kommst du daher und reißt mir die Tastatur aus der Hand (zu spät, hähä) und sagst „alles Quatsch“. Vielleicht sortier ich einen Teil davon irgendwann um, keine Ahnung. Aber für jetzt ist das meine aktuelle Erkenntnis, und die teil‘ ich jetzt mit dir:

Gott prüft von Zeit zu Zeit, ob ich was dazu gelernt hab. Ich find den Gedanken gleichzeitig „komisch“ und „irgendwie richtig“; komisch, weil er ja eh alles über mich weiß, richtig, weil ICH das dann auch checke, wenn er das macht… wenn diese Tests nicht kämen, ich wüßte gar nicht, was noch alles für ein Müll in mir ist – Gedanken, Verhaltensmuster, Urteile…

Liebe Brüder und Schwestern! Betrachtet es als besonderen Grund zur Freude, wenn euer Glaube immer wieder hart auf die Probe gestellt wird.
Ihr wisst doch, dass er durch solche Bewährungsproben fest und unerschütterlich wird.
Diese Standhaftigkeit soll in eurem ganzen Leben ihre Wirkung entfalten, damit ihr in jeder Beziehung zu reifen und tadellosen Christen werdet, denen es an nichts mehr fehlt.
Wenn es jemandem von euch an Weisheit mangelt zu entscheiden, was in einer bestimmten Angelegenheit zu tun ist, soll er Gott darum bitten, und Gott wird sie ihm geben. Ihr wisst doch, dass er niemandem sein Unvermögen vorwirft und dass er jeden reich beschenkt.
Betet aber im festen Vertrauen und zweifelt nicht […]

(aus Jakobus 1)
 
Ich hab‘ schon häufiger mal von verschiedenen Predigern das Bild gehört: Irgendein Behälter, wenn er unter Druck steht, sondert das ab, was in ihm ist. Todd White hat es mal so gesagt, dass ich es am besten nachvollziehen konnte: Wenn du auf ’ne Tube Zahnpasta drückst, kommt Zahnpasta raus.
Die Frage ist nun, was kommt aus Kerstin raus, wenn Druck auf Kerstin ausgeübt wird… und Druck gibt’s ja nun jede Menge in so nem Menschenleben. Krankheit, Probleme in Beziehungen, was auch immer, setz‘ deinen Lieblingsdruck ein. Was kommt raus aus mir? Depression, Selbstmitleid, Verzweiflung, Flucht? Oder doch Jesus? Jesus, übersetzt: Glaube, Liebe, Hoffnung ohne Ende?
Die Prüfungen des letzten Jahres haben mir das immer deutlicher gemacht. Zu Jahresanfang kam noch viel Verzweiflung mit, wenn es eng wurde. Unglaube, wie ich schon sagte: ich war mir noch nicht so sicher, ob Gott es wirklich gut mit mir meint. Ob das Eis trägt.
Nachdem es etliche Schritte ausgehalten hat, ging es bei der nächsten Prüfung leichter und richtig gut wurde es ab dem Moment, wo mir klar wurde, dass es genau das ist: Tests, die ich bestehen kann. Ich bin in meinem Leben durch so manchen Test geflogen, aber ich hab auch die Erfahrung gemacht, dass mich nichts so sehr motiviert, wie einen Test zum ersten Mal zu bestehen, vielleicht noch mit Hängen und Würgen, aber zu bestehen. Wenn sich der dann wiederholt, nehm‘ ich mir vor: Hey, nächstes Mal wuppen wir das besser. Schneller, geradliniger, mit nem strahlenderen Ergebnis.
Ganz ehrlich: ich würde lieber auf so manchen Test verzichten. Und ich bitte darum, mein Geschreibsel nicht so zu verstehen, als würde Gott uns z.B. Krankheit schicken, um uns zu testen (= Spielchen spielen, in meinen Augen). Aber ich weiß, dass Gott jeden noch so bescheidenen Umstand nehmen kann, um etwas Gutes daraus hervorkommen zu lassen.
Unser letztes Jahr – und ich bin so froh, dass es „unser“ war und weder mein Mann noch ich damit allein da stand – hat etwas hervorgebracht – das Bewusstsein, dass wir an nichts Mangel haben, wenn wir nur Gott haben. Wie es im Jakobus 1 heißt – „denen es an nichts mehr fehlt“. Ich hab den Vers zuerst auf Englisch gelesen, da knallte er irgendwie noch besser.
Do you want to be mature in your faith, complete, and lack for nothing, Then count it all joy, my brothers, when you meet trials of various kinds, for you know that the testing of your faith produces steadfastness. Let perseverance finish its work so that you may be mature and complete, not lacking anything.
Es glitzert nicht alles ständig. Es ist nicht so, dass Gott alle Probleme von einem fernhält. Wir sind nicht die strahlenden Helden, die aus jeder Schlacht mit frisch polierter Rüstung und einem Colgate-Lächeln im Gesicht hervorgehen.
Aber Gott ist treu, er ist gut, und er ist auf unserer Seite.
Das ist sowas von genug.
Vieles kapiert man erst im Rückblick, und dann auch erst so richtig lange später. Das ist in Ordnung. Ich hab nicht den Anspruch, alles unter Kontrolle zu haben (das ist sowieso nicht möglich, ich sag das nur für den Fall, dass noch jemand dieser Illusion nachhängen sollte 😉 ).
Ich hab den Anspruch, meinen Kopf an die Brust Jesu zu legen und seinen Herzschlag zu hören und aufzunehmen. Genau da will ich sein, da ist es gut. Auch wenn außenrum der Sturm tobt.