13. Scham ist ein Dieb.

In den letzten Jahren sind die Bücher von Brené Brown ja der wahre Renner. Ich hab zwei davon als Hörbücher gehört, eines letztes Jahr während ich mit dem Rad in die fränkische Schweiz unterwegs war und ich hab es so genossen. Alles, das Rad fahren und das Zuhören! Ich bin völlig fasziniert davon, wie Gott es immer macht, dass die richtigen Bücher, Predigten, sogar Instagram-Bilderchen zur richtigen Zeit bei mir landen – und ich bin sicher, es gibt „seasons“, Zeiten, in denen bestimmte Themen reif sind, sowohl auf einem persönlichen Weg als auch in der Welt, in der Gesellschaft.

Scham lähmt. Ich hatte etwa die Hälfte meines Lebens einen massiven Sprachfehler – wobei, ich weiß nicht genau wann das Ganze angefangen hat, es war glaube ich nicht ganz von Anfang an. Irgendwann habe ich jedenfalls so dermaßen schnell gesprochen und halbe Wörter verschluckt – ich denke man nennt das „Stammeln“ – dass mich niemand verstanden hat. Die Leute haben immer nachgefragt, nicht nur einmal, sondern mehrmals, dabei gerne die Augen verdreht und mir gesagt, ich solle „doch einfach mal langsamer und deutlicher reden“. Ich seh noch meine Oma vor mir, wie sie mir mit großen Augen grade ins Gesicht schaut und sagt „laaaang-saaam“.

Jau. Nicht hilfreich, wie man sich vorstellen kann. Ich konnte nicht anders. Und ich weiß bis heute nicht warum. Aber es war so, und egal wie viel Mühe ich mir gab, ich bekam es nicht hin. Es brachte mir Spott, Ungeduld und schlechte Referatsnoten ein und war insgesamt nicht besonders hilfreich, wenn es darum ging, selbstbewusst durchs Leben zu gehen… irgendwann Anfang 20 „verlor“ es sich dann, und auch da kann ich nicht genau sagen, wann und warum. Ich habe oft geübt, besser zu sprechen, aber das brachte nicht den Durchbruch, irgendwann war er einfach da. Ich spreche immer noch eher zügig, aber es hat schon lange keiner mehr die Augen verdreht und wenn ich mich mal verhasple, merke ich das in der Regel und bessere schnell nach.

Irgendwann, ich denke ich war so um die 12 oder 13 Jahre alt, wollte ich das mal verstehen, warum mich keiner versteht, denn in meinem Kopf war das alles nicht so dramatisch. Ich konnte mich verstehen 😉 kein Wunder, ich wußte ja, was ich sagen wollte, hehe. Also schnappte ich mir einen dieser dämlichen Mädchenromane a la Hanni und Nanni, eine Leerkassette und einen Recorder und las etwas darauf. Ich hörte es mir an und fand es ziemlich undramatisch. Jahre später fiel mir die Kassette in die Hände und mit Abstand und ohne noch zu wissen, was ich da gelesen hatte, verstand ich tatsächlich selbst kein Wort!

Das hat mich schon ein bisschen erschüttert…

Was ich damit sagen will… Scham ist mir nicht unbekannt, auch beschämt-werden nicht, und ich habe lange unter den Auswirkungen davon gelitten. Ich hatte Zeiten, da wollte ich nicht unter Menschen, nicht mal das Haus verlassen. Nicht gesehen werden. Nichts sagen müssen. Und gleichzeitig hatte ich immer so viel zu sagen, dass es total absurd war. Ich war nicht doof, ich konnte nur nicht reden. Während Leute ungestraft und unbeschämt Beleidigungen und schlechte Witze machen durften, saß ich daneben und war traurig, dass ich mich nicht mitteilen konnte.

Fakt ist, jeder einzelne Mensch auf dieser Erde ist von Gott gewollt und geliebt. Gott verteilt Gaben, Farben, Melodien, Bewegung und Stimme, damit das alles gesehen und gehört wird und wenn du fehlen würdest, würde Gott etwas fehlen. Fakt ist, er will, dass du so wie du bist gesehen und gehört und geliebt wirst. Leider leben wir in einer gefallenen Schöpfung und viele empfinden solche Worte wahrscheinlich als ironisch. Dass viel Mist passiert, ist mit dem 10. Kapitel des Johannesevangeliums relativ einfach zu erklären… es gibt einen guten Hirten, der lässt sein Leben für die Schafe. Und dann gibt es einen Dieb, der hat nichts anderes im Sinn, als zu stehlen, zu schlachten und umzubringen. Er stiehlt Freude, Träume, Vision. Er stiehlt Kindheit und Gesundheit und Liebe und Frieden.

Das ist Mist. Aber dann gibt es auch wieder ne gute Nachricht, und die ist, dass Gott halt genau andersrum drauf ist. Er stellt wieder her, was zerstört wurde, er heilt, was krank ist, er baut auf, was eingerissen und ignoriert da liegt. Er liebt gesund. Er ist voller Hoffnung und Glauben und Liebe, mehr als du je brauchen könntest.

Ich hätte es nie für möglich gehalten und ich glaube nicht, dass ich das selbst irgendwie hätte hinbekommen können, aber bei Gott ist kein Ding unmöglich, er hat mich von Scham frei gemacht und wenn ich jetzt unter Leuten bin, genieße ich es, ich selbst zu sein, ich muss mich nicht mehr verstecken, nicht verstellen und ich lasse mich auch nicht mehr beschämen.

Bestimmt kommt es manchmal vor, dass mich etwas so herausfordert, dass ich kurz in alte Verhaltens- oder Denkmuster zurück falle – aber diese große Last, der Druck, der an dieser Stelle früher war, ist weg, und ich bin so unendlich dankbar dafür.

Danke Abba.